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Asphalt-Filmanalyse

by Estefania

Im Seminar „Filme aus der Weimarer Republik“ mit dem Regisseur und Drehbuchautor Gordian Maugg sind zu sehr bedeutenden Filmen aus dieser Zeit Rezensionen entstanden. Diese möchte ich hier vorstellen um dem Ein oder Anderen diese Werke näher zu bringen und eventuell Lust auf mehr zu machen. Den Anfang macht Asphalt.

Asphalt – Eine Analyse zum Film

Joe May inszeniert mit Asphalt ein kammerspielhaftes, reduziertes Stummfilmwerk. Es ist einer der letzten produzierten Stummfilme. Gustav Fröhlich tritt hier als Verkehrspolizist auf, der einen Kampf zwischen Liebe und Pflicht ausficht. Der „Star“ aus Metropolis erliegt letztendlich den Verführungskünsten einer aufreizenden und hingebungsvollen Diamantendiebin, gespielt von Betty Amann. Sie wurde von der UFA entdeckt. Auffallend sind die Großaufnahmen von ihrem puppenhaften Gesicht und ihren unschuldigen Wimpernaufschlägen. Der Film lebt durch die stark betonte Mimik und Gestik.  Großaufnahmen sind hierbei deshalb dominierend. Fred Majo, Hans Szekely und Rolf E. Vanloo, die Drehbuchautoren dieses Films, bedienten sich eines altbekannten und – beliebten Themas: des „Sex and Crime“.

Am Anfang wird das Großstadtleben durch dynamische Kamerafahrten gezeichnet. Durch die wandernde Kamera wird das Miteinander der Menschen und Räume sehr geschickt entschleiert. Das Pulsieren der Hauptstadt rund um den Potsdamer Platz skizziert ein opulentes Orchesterensemble. Die Straßenbilder begleitet hastende, eilende Musik, untermischt mit klirrenden Metalltönen, die den Rhythmus der Geschäftigen und Arbeitenden charakterisieren.

Geschildert wird in Asphalt letztendlich ein Kleinbürgerschicksal. Gesellschaftliche oder soziale Probleme der Zeit werden nicht mit einbezogen. Der Asphalt, die Straße ist für Joe May in diesem Fall hauptsächlich ein Ort des Lasters aber auch eine Bühne für die pulsierende Großstadt, das rege Treiben ihrer Bürger. Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Klassen finden hier nicht statt. Sie ist reduziert auf den Kampf zwischen dem Pflichtbewusstsein eines kleinbürgerlichen Polizisten und seinen Gefühlen. Er wird im Kontakt mit seinen zu beschützenden Mitbürgern getestet, ob er der Versuchung widerstehen und seine Staatstreue unter Beweis stellen kann. Der Verkehrspolizist Holk verfällt dem Charme der attraktiven und vor Schönheit anmutig leuchtenden Diamantendiebin Else. Der sonst so pflichtbewusste Beamte und Sohn ehrenwerter Eltern gerät in ihre Fänge und wirft damit all seine Prinzipien über Bord. Vorher ringt er aber stark mit seinem Gewissen, was er durch angespanntes Auf und Ab Gehen signalisiert. Es steht ihm buchstäblich ins Gesicht geschrieben, dass er es in der Wohnung der Diebin, die er nach langem Flehen von ihr aufsuchte, nicht wirklich aushält. Wie ein Kaninchen in der Schlangengrube windet er sich und fühlt sich sichtlich unwohl. Bis Else ihn praktisch „erklimpert“ und in ihr Bett bewegen kann. Alle Pflichten und sein komplettes Verantwortungs- und Ordnungsbewusstsein sind über Bord geworfen und vergessen. Er lebt nur noch für dieses Moment, dem er sich voll und ganz hingibt und in seinen Augen scheinen nur noch vier Buchstaben aufzuleuchten: E-L-S-E. Sie hat ihn voll und ganz in ihren Bann gezogen und für ihn scheint alles andere bedeutungslos geworden zu sein. Er hat seinen kleinbürgerlichen Käfig verlassen und ist in eine Welt voller Abgründe, aber auch voller Leidenschaft abgedriftet. Somit hat er sich im gleichen Moment auf und an die Seite einer Kriminellen geschlagen. Er handelt im Gegensatz zu Konventionen und dem, was ihm aufgebürdet wurde.

Seine Eltern im trauten Heim ahnen nichts von seinem „Doppelleben“. Sie kennen ihn als gewissenhaften und treuen Staatsbürger und vor allem sein Vater, gespielt von Albert Steinrück, der das Amt des Hauptwachmeisters inne hat, hält große Stücke auf seinen Sprössling.

Beide scheinen sich in ihrer Welt voller Ordnung und Recht sehr gut aufgehoben zu fühlen. Die Idylle der Wachtmeisterwohnung wird durch zarte Melodien von Kanarienvogeltrillern hübsch dargestellt. Signifikant ist das Zeichnen der kleinbürgerlichen und etwas beschränkten Welt durch den Vogelkäfig im Wohnzimmer. Das Tier hinter Gittern verhält sich, wenn auch unfreiwillig, wie die staatstreue Familie. Einzig ihr Sohn vermag es, die Käfigtür zu öffnen und dem Geist und Körper begrenzenden Metallkörper, wenn auch nicht gerade auf die klügste Art und Weise, zu entfliehen.

Er hat sich zeigen lassen, dass im Leben mehr als Recht und Ordnung existieren, bereut dies aber im ersten Moment auch wieder, da er sich seiner Prinzipien und Werte besinnt. Er schickt Else das von ihr verfasste Dankesschreiben und das Geschenk wieder zurück, erliegt aber bei einem erneuten Besuch in ihrer Wohnung doch wieder ihrem Charme, wobei es anschließend zu einem entscheidenden und fatalen Zwischenfall kommt. Er erschlägt seinen vermeintlichen Nebenbuhler und wird somit zum Mörder. Unter dieser Last kann er nicht weiter leben und vertraut sich völlig verstört seinen Eltern an. Sein Vater kann und will ihn nicht decken und kommt seiner Pflicht als Bürger und Hauptwachmeister nach, er händigt seinen Sohn der Polizei aus. Sein Schicksal scheint besiegelt. Die Liebe hat den Kampf verloren und ihn zu etwas werden lassen, was er selbst verabscheut hat. Freiheit über die Grenzen des Gefängnisses hinaus wird schwierig auszuüben sein. Mit der Last seiner Tat wird er wohl nur noch schwer das Leben leben können, was er immer anstrebte oder auch neu kennengelernt hat.

Noch schlimmer als er, wird seine Mutter unter der Tat ihres Sohnes und seinem Gefängnisaufenthalt zu leiden haben. Sie hat sich immer aufopferungsvoll um sein Wohl gesorgt und hat ihren Sohn sehr umsorgt. Nichts ließ sie auf ihren Liebling kommen. Als ihr Sohn seine Tat beichtete, wollte sie ihn auch nicht gehen lassen, sondern lieber selbst noch für die Tat gerade stehen. Es riss ihr das Herz raus, zu sehen, dass ihr kleiner Schatz so aus seiner Rolle fiel. Ihre schützende Hand versuchte sie trotzdem noch über ihn zu halten. Aber: „…Recht muss Recht bleiben.“ Dem muss sich auch das neugefundene Liebespaar beugen. Der Film, der eine eigentlich simple Geschichte erzählt, lebt vom speziellen Charme der Protagonistin und ihrem Sex-Appeal, mit dem sie geschickt spielt und welches durch die Großaufnahmen ihres symmetrisch und perfekt erscheinenden Gesicht, Betonung findet. Asphalt versprüht Hollywoodatmosphäre und findet trotz des tragischen Endes doch eine Art Happy End: Else, die scheint, als würde sie nur existieren um ihren Charme bei Männern auszuspielen, um mit ihnen spielen zu können, ist zu echten Gefühlen fähig und bittet Holk nach ihrer Festnahme, auf sie zu warten. So wird die Illusion und die Sehnsucht nach einer erfüllten Liebe bedient. Am Ende siegt die Liebe sogar über Recht und Ordnung. In der Welt der Liebe zählen nur wahre Gefühle und nicht, was ein Mensch im Leben falsch oder richtig gemacht hat. Er wird hier nur nach dem beurteilt, für das sein Herz schlägt.


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